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Tagesspiegel-Artikel vom 5.6.2007

Viel Raum für Fantasie

 

Von Katja Gartz

Für Helena soll es unbedingt eine Waldorfschule sein. „Sie war mit fünfeinhalb Jahren zwar schulpflichtig, aber noch nicht weit genug für den Leistungsdruck an vielen Schulen“, sagt Vater Boris Claudi. Die staatlichen Grundschulen in Prenzlauer Berg haben ihn nicht überzeugt. Es gäbe zu viele Schwierigkeiten bei der Organisation der neuen Schulanfangsphase, in der Schüler der ersten und zweiten Klasse zusammen unterrichtet werden.

Claudi entschied sich für die Waldorfschule Mitte. Lernen mit allen Sinnen und nach individuellem Entwicklungsstand, ein kinderfreundliches Schulgebäude sowie engagierte Eltern waren die Gründe dafür. Doch die Nachfrage war so groß, dass Helena und 15 weitere Kinder an dieser Schule keinen Platz bekamen. Nun bauen die Eltern gemeinsam mit einer Lehrerin und einer Erzieherin eine neue Waldorfschule auf.

Um das Vorhaben voranzutreiben, gründeten sie vor einem Jahr den Förderverein „schulemachen“. Unterstützung erhalten sie von einem Gründungsberater der Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen. Wird ein passendes Gebäude gefunden, will die neue Waldorfschule in Pankow im kommenden Schuljahr ihren Betrieb aufnehmen. „Die Gebäudesituation in Prenzlauer Berg ist schwierig“, sagt Schulstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). Sie könne nichts mehr anbieten. Die Eltern bedauern, dass durch Schließungen frei gewordene Schulgebäude vom Bezirk zweckentfremdet veräußert wurden.

Bis zum Umzug in ein eigenes Schulhaus besuchen die 16 Kinder eine Schuleingangsklasse in Trägerschaft der Waldorfschule Mitte. Seit August lernen sie in einer umgebauten Wohnung gegenüber, Hof und Grünflächen der Schule können mitbenutzt werden. Die Kinder nehmen Frühstück und Mittagessen gemeinsam ein, Hortbetreuung ist bis 17 Uhr. Auf dem Stundenplan stehen Handarbeiten, Werken, Backen, Malen, Musik, Englisch und Eurythmie – eine Bewegungsart, mit der beispielsweise Gedichte oder Musik dargestellt werden.

„Viel Raum geben wir dem freien Spiel, um die Fantasie der Kinder zu fördern“, sagt Gründungslehrerin Erika von Lucke, die seit 16 Jahren an Waldorfschulen unterrichtet. Für den künftigen Standort wünscht sie sich einen großen Garten mit Schafen und Ziegen. Sollte die neue Schule für die Kinder aus Prenzlauer Berg und Mitte zu weit entfernt sein, könne ein Bus organisiert werden.

Einen weiten Schulweg müssen in Prenzlauer Berg bereits viele Kinder zurücklegen, weil die Grundschulen in der Nachbarschaft voll sind. Dass der Mangel an Schulplätzen in den nächsten Jahren noch erheblich zunehmen wird, ist bekannt. Jetzt will auch endlich der Bezirk reagieren. „Wir müssen neue Schulplätze und Schulen schaffen“, sagt die Schulstadträtin. Mehr Plätze für Grundschüler solle es am Standort der Martin- Luther-King-Gesamtschule in der Danziger Straße geben. Deren Betrieb läuft aus; die Schüler besuchen künftig die Kurt-Schwitters- und die Kurt-Tucholsky-Schule. Geplant sei eine Kooperation mit der Grundschule am Teutoburger Platz, deren Gebäude umgebaut werden soll.

Auch wenn junge Eltern mit Kinderwagen das Straßenbild in Prenzlauer Berg prägen: Die meisten Kinder der Stadt werden in Friedrichshain-Kreuzberg geboren. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes kamen dort 2005 je tausend Einwohner elf Kinder zur Welt, gefolgt von Mitte mit 10,9 und Prenzlauer Berg mit 10,2 Babys. Mit der neuen Schulgründung gibt es in Berlin elf Waldorfschulen. Sie orientieren sich an der Pädagogik ihres Begründers Rudolf Steiner. Die Schüler bleiben von der ersten bis zur zwölften Klasse in einer Klassengemeinschaft. Gelehrt wird in Blöcken, dem sogenannten Epochenunterricht. Auf den Zeugnissen stehen keine Noten, sondern ausführliche Beurteilungen. Abschließen können die Schüler mit dem Haupt-, dem Realschulabschluss oder dem Abitur. Das Schulgeld beträgt monatlich 0,8 Prozent des  Jahresnettoeinkommens der Eltern. Nach fünf Jahren werden die Personalkosten der Schulen in freier Trägerschaft zu 93 Prozent vom Senat bezuschusst.

Bleibt die neue Schule auch künftig in der Trägerschaft der Waldorfschule Mitte, wird sie bereits in der Aufbauphase gefördert. „Sie erhält dann bis zur sechsten Klasse einen Zuschuss von 78 Prozent“, berichtet Detlef Hardorp, bildungspolitischer Sprecher der Waldorfschulen in Berlin und Brandenburg. Die ersten fünf Jahre aus eigener Kraft überstanden hat die Wilmersdorfer Annie-Heuser-Schule, die sich ebenfalls an der Waldorfpädagogik orientiert. „Mit viel Idealismus, Durchhaltevermögen und Gehaltseinbußen ist es zu schaffen“, berichtet Lehrer Dirk Wehnau. Eltern und Lehrer können jetzt durchatmen. Ab nächstem Schuljahr gibt es Senatszuschüsse.

 

 

"Das Leben wird uns förmlich    verschlossen, wenn die Schule uns nicht die Kraft gibt, uns zu erschließen"

Rudolf Steiner